Warum ist die wissenschaftliche Einordnung von Rhyniognatha bis heute unsicher?
Rhyniognatha hirsti ist eines der rätselhaftesten Fossilien aus der Frühgeschichte der Landarthropoden. Das einzige bekannte Exemplar stammt aus dem berühmten Rhynie Chert in Schottland und ist etwa 400 Millionen Jahre alt. Erhalten sind hauptsächlich Mundwerkzeuge beziehungsweise Mandibeln und einige schwer zu interpretierende Strukturen des Kopfbereichs – kein vollständiges Tier. 2004 untersuchten Michael Engel und David Grimaldi das Fossil erneut und interpretierten seine Kiefer als typisch für echte Insekten. Sie kamen sogar zu dem Schluss, dass Rhyniognatha möglicherweise bereits zu einer relativ fortgeschrittenen Gruppe innerhalb der Insekten gehörte. Dadurch wurde das Fossil weithin als ältestes bekanntes echtes Insekt bekannt. Doch 2017 untersuchten Carolin Haug und Joachim Haug das winzige Fossil mit modernen Bildgebungsmethoden erneut. Ihre Rekonstruktion ergab, dass mehrere Strukturen auch gut zu Myriapoden, also der Verwandtschaft der Hundert- und Tausendfüßer, passen könnten. Nach ihrer Interpretation ist eine Zugehörigkeit zu einem Myriapoden sogar wahrscheinlicher – eine Insektenzugehörigkeit konnten sie aber nicht vollständig ausschließen. Deshalb sollte man heute nicht einfach behaupten: „Rhyniognatha war das älteste fliegende Insekt.“ Wissenschaftlich sauberer ist: Rhyniognatha ist ein rund 400 Millionen Jahre alter Arthropodenfund, dessen genaue systematische Stellung weiterhin umstritten ist. Auch neuere Arbeiten zur frühen Evolution des Insektenflugs weisen ausdrücklich auf diese Unsicherheit hin. Das macht Rhyniognatha für eine Quizfrage sogar interessanter: Das Fossil ist real – aber wir wissen nicht einmal sicher, was für ein Tier es genau war.
Rhyniognatha ist nur sehr unvollständig erhalten; seine Merkmale lassen sowohl Insekten- als auch Myriapoden-Deutungen zu.


